Seit 1962
Ein Koffer, sechzig Jahre
Auf unserem Schild steht „dal 1962". Das ist nicht das Jahr, in dem dieses Haus eröffnet wurde – es ist das Jahr, in dem mein Vater anfing.
Casaline, Abruzzen
Franco Francucci wurde 1937 in einem Dorf bei L'Aquila geboren. Eine harte Kindheit, oft nicht genug zu essen, und der Wunsch nach einem anderen Leben. Er ging über die Alpen, in eine Lederfabrik in Schwaben. Er hat jeden Tag dort gehasst.
1962, Bahnhof Zoo
Vierundzwanzig Jahre alt, ein Koffer, kein Plan – und eine Stelle als Kellner am Kurfürstendamm. Es stellte sich heraus, dass er gut mit Menschen konnte. Nach wenigen Monaten hatte er das Startkapital für etwas Eigenes zusammen.
Eine Mark. Pizza und Wein.
Das erste eigene Lokal war das La Grotta in der Bleibtreustraße, noch 1962. Pizza vom Blech, in Stücken, dazu Rot oder Weiß im Wasserglas. Eine Mark für alles, was auf dem Tresen stand. So hatte West-Berlin noch nicht gegessen – und blieb bis in die frühen Stunden.
1967: Die Schlange war die Werbung
Ein Laden mit fünfundvierzig Quadratmetern am Ku'damm. Minipizzen vom Blech, eine Mark das Stück. Verkauft hatte das vorher niemand in dieser Stadt. Es sprach sich schneller herum, als jede Anzeige es gekonnt hätte.
1968: Der Name, den alle kannten
Dann das Lokal am Lehniner Platz, direkt neben der Schaubühne. Eine Glastheke statt einer Karte, Stammgäste, die mit dem Finger bestellten, und eine Küche, die ernst war, ohne steif zu sein.
Wer damals über den Kurfürstendamm nach Berlin hineinfuhr, erreichte dort die erste italienische Adresse der Stadt. Italiener, die gerade angekommen waren, gingen deshalb zuerst dorthin – wegen Nachrichten, Kontakten, einem Zimmer, Arbeit. Die Gemeinde traf sich an den Tischen meines Vaters.
Der Sohn wuchs zwischen diesen Tischen auf
Alle nennen ihn Franchino. Ausbildung zum Koch und Restaurantfachmann im Hotel InterContinental, danach der Service im Lokal des Vaters – mit genau den Tellern, die den Familiennamen gemacht hatten.
1996: Kurfürstendamm 90
Dann machte er sein eigenes auf, auf der anderen Straßenseite. Er nannte es nach der Familie und sonst nichts. Francucci. Und aufs Schild kam: Ristorante dal 1962 – das erste Jahr seines Vaters, nicht sein eigenes.
Wohin die Besessenheit ging
Brot und Pasta aus dem eigenen Haus. Das Olivenöl der Familie auf jedem Tisch. Und eine ganze Seite Chianina – eine toskanische Rasse, die er sich suchte, als sie fast verschwunden war. Serviert in Tranchen für zwei, mit nichts als Öl und Meersalz.
Seit 2001 kommt jeden Monat eine Lieferung aus Italien. Die Rücken reifen drei bis sechs Wochen am Knochen, sichtbar im Weinkeller.
Und heute
Seit zwei Jahren liegt das Francucci in den Händen von Louis, dem Sohn. Dieselbe Tür, dasselbe Brot, derselbe Name darüber – sechs Jahrzehnte, nachdem ein Koffer am Bahnhof Zoo ankam.
Franco Francucci senior ist im Februar 2024 gestorben, mit 86 Jahren.